Burkhards lange Nacht in Gaarden

„Wir empfehlen Herrn Peters  dringend, warme  und geländegängige Kleidung zu tragen“,  lautete der Rat des Revierleiters des 4.Kieler Polizeireviers in Gaarden. Tatsächlich ist eine Nacht mit einer Polizeistreife im Januar eine ziemlich kalte und ungemütliche Sache. Bei 4 Grad Kieler Nieselpiesel ist Gaarden nachts eindeutig kein Ort, an dem viel Lebensfreude keimt. Immerhin sorgt die dicke und schwere schusssichere Weste, die mir gleich nach Ankunft im Revier verpasst wird, für Wärme. Ansonsten wird mir bedeutet, mich bei Einsätzen zurückzuhalten und mich vor allem nicht zwischen den Beamten und den im Einsatz angesprochenen Menschen zu positionieren, also „außerhalb der Schusslinie“ zu bleiben. Das kann ja heiter werden!

Meine beiden polizeilichen „Begleiter“ sind ein über 2 Meter großer Riese und eine – im Kontrast zu ihrem Kollegen – kleine, quirlige und lustige Person. Er vertritt streng und förmlich das Prinzip Sicherheit und Ordnung, sie ist für die menschlichen Zwischentöne im Einsatz „am Bürger“ zuständig. Eine sehr gelungene Arbeitsteilung, bei der beide ihren jeweiligen Part perfekt beherrschen.  Das halten beide bis in die frühen Morgenstunden durch – die Schicht beginnt um 19.00 und endet um 05.00 Uhr -  auch bei den nervigsten Situationen. Das hat mich sehr beeindruckt, diese gelungene Balance zwischen Förmlichkeit und Strenge, Höflichkeit und Freundlichkeit , ganz ohne anbiedernden Ton.

Das Einsatzfahrzeug ist nagelneu – man will ja einem Landtagsabgeordneten nichts schuldig bleiben – und mit der neuen Yelp-Sirene und Videoeinsatzaufnahmekamera ausgestattet. Mit über 100 Sachen, Blaulicht und Yelp-Yelp nachts durch Kiel zu düsen, ist schon ein Erlebnis der besonderen Art.

Die Einsätze dieser Nacht sind nach Einschätzung der Polizisten das für Gaarden übliche Programm. Bis etwa 24 Uhr dominieren die Hauseinsätze wegen Beschwerden von Wohnungsinhabern, die sich über angeblich oder tatsächlich zu laute Nachbarn beschweren. Freundliche Ermahnungen reichen aus. Zwischendurch sammeln wir einen Volltrunkenen ein, der hilflos auf der Straße liegt und ohne Hilfe erfrieren könnte. Ein alter Bekannter der Streife, der gleich zur Ausnüchterung zurück ins Revier kutschiert wird. Die 6 Gewahrsamszellen im Keller des Reviers sind regelmäßig frequentiert. Ein Kumpel des Aufgelesenen döst schon seit der Mittagsschicht in einer Nachbarszelle und macht sich erfreut bemerkbar, als er die Stimme seines Freundes hört. Ein Zusammenschluss der beiden ist aber nicht vorgesehen. Der herbeigerufene Bereitschaftsarzt – er muss in dieser Nacht noch 5 weitere Male für andere Fälle kommen – stellt die Gewahrsamsfähigkeit fest. Und schon geht’s wieder los: Durchsuchung eines verdächtigen Fahrzeugs. Alles ok, Papiere in Ordnung. Verfolgung eines alkoholverdächtigen Autofahrers (tatsächlich hatte er nicht nur Alkohol intus, sondern war heroinsubstituiert, gleichwohl Kokainkonsument und hatte auch keinen Führerschein). Handgreifliche Beziehungsauseinandersetzung auf der Straße, ein sog. Läufer wird gecheckt. „Läufer“ sind junge Drogenkuriere, die in Gaarden von den Zwischenhändlern für geringen Lohn mit Kleinstportionen aus Zwischenbunkern zu den Kunden geschickt werden. Sie müssen das eingenommene Geld sofort abliefern. So wird das Risiko für die Zwischenhändler minimiert. Unserer hat nichts dabei und kann weitergehen. Ein Mädchen wird festgenommen, weil sie mit geflüchteten Kumpels Autos aufgebrochen haben soll. Aufmerksame BürgerInnen haben die Kids bei frischer Tat beobachtet und das Mädchen festgehalten. Die Langsamsten und Letzten beißen die Hunde! Auch dieses Mädchen ist den beiden Streifenpolizisten schon bekannt. Eine andere Autofahrerin fällt auf, weil sie ohne Licht fährt. Eigentlich soll sie nur freundlich ermahnt werden, ihr Licht einzuschalten. Leider veranlasst ihr Verhalten zu einem Atemalkoholtest: Mit mehr als ein Promille geht es gleich ab auf die Wache. Der dortige Alkometer zeigt noch mehr an, wieder muss der Bereitschaftsarzt zur Blutentnahme aus dem Bett geklingelt werden. Dabei soll es nur ein Schnaps zum Schluss gewesen sein.

Alkohol und Drogen, wenn man mit der Polizei nachts in Gaarden unterwegs ist, reduziert sich der Focus auf diesen Stadtteil leicht auf diesen Ausschnitt.

Was habe ich sonst noch gelernt? Der viel gescholtene Digitalfunk klappt in dieser Nacht hervorragend.  Der bei der Polizei praktizierte Wechselschichtdienst – Frühdienst, Spätdienst und Nachtdienst wechseln sich hintereinander ab – ist anstrengend und wäre nichts für meinen Biorhythmus. Der Anteil von MigrantInnen bei der Polizei ist zu gering. Im 4. Polizeirevier sind von 86 BeamtInnen nur 2 mit Migrationshintergrund bei einem AusländerInnenanteil von 44 % im Stadtteil Gaarden.

Wenn man als Innenpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion wirklich wissen will, wie die Polizei tickt, muss man dort hingehen und sich mindestens eine Nacht auf einem Streifenwagen um die Ohren schlagen. Teilnehmende Beobachtung bringt viel für den Erkenntnisgewinn jenseits von Vorlagen und Parlamentsberichten. Ich kann es nach dieser langen Nacht nur allen KollegInnen für ihren jeweiligen Bereich empfehlen.

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