Wie verändern Willkommensgruppen das Land? Eine Diskussion zu den Flensburger Besonderheiten!

Das Thema Flucht wird überall diskutiert. Im Bundestag, auf europäischer Bühne, aber auch in Schleswig-Holstein. Fast 60.000 Menschen sind im vergangen Jahr zu uns gekommen, sehr viele werden bleiben. Im ganzen Land haben sich spontan Willkommensgruppen gebildet, in denen häufig ganz unterschiedliche Menschen Hand in Hand für ein Ziel arbeiten. Auch jetzt werden noch viele der angekommenen Menschen von HelferInnen betreut. Für die Geflohenen sind die Gruppen bis heute ein wichtiger Schlüssel, um Zugang zur deutschen Gesellschaft zu finden.

Am Mittwoch (24.02.2016) fand in der Leihverkehrs- und Ergänzungsbibliothek der Auftakt zur Veranstaltungsreihe „Migration und Identität“ der Landtagsfraktion und des Landesverbandes von Bündnis 90/Die Grünen statt. Eka von Kalben, Fraktionsvorsitzende im Landtag, eröffnete die Veranstaltung gemeinsam mit Rasmus Andresen, dem Grünen Abgeordneten aus Flensburg. Mit dabei als Diskutantinnen waren Katrine Hoop (Mitglied der dänischen Minderheit, Refugees Welcome), Sona Shirvanyan (Dolmetscherin) und Renate Schnack (die Minderheitenbeauftragte Schleswig-Holsteins). Moderiert wurde die Veranstaltung von Johannes Albig, Sprecher der Grünen Landesarbeitsgemeinschaft Migration und Flucht.

Im Bild von links nach rechts: Johannes Albig, Sona Shirvanyan, Katrine Hoop, Eka von Kalben

Angesetzt war die Veranstaltung unter dem Titel „Migration und Identität – Willkommensgruppen als Motor für eine veränderte Gesellschaft“. Eka von Kalben hob in ihren einführenden Worten hervor, wie wichtig das freiwillige Engagement der Menschen in den Willkommensgruppen sei.

Das Land, so von Kalben, habe mit der Integrationspauschale eine Möglichkeit für die Kommunen geschaffen, die ehrenamtliche Arbeit der Menschen vor Ort zu unterstützen. Es sei wichtig, die Freiwilligkeit zu bewahren. Nicht denkbar dagegen sei, all das, was heute ehrenamtlich geleistet wird, institutionell zu überfrachten – so ginge auch ein Stück Flexibilität verloren.

Von Kalben hob hervor, dass die Frage nach der eigenen Identität für die deutsche Gesellschaft nur sehr schwierig zu beantworten sei. Der positive und einladende Patriotismus des Sommermärchens von 2006 waren indes Vorboten der Offenherzigkeit, wie sie sich im letzten Jahr an den Bahnhöfen zwischen München und Flensburg zeigten. In von Kalbens Augen sollte es ein deutsches Selbstverständnis sein, die Kultur anderer Menschen zu akzeptieren, ohne sie darauf zu beschränken. Nur so sei ein Ankommen möglich.

Sie sagt ferner: „Flensburg ist für mich ein gutes Beispiel für grenzenloses Denken. In Zeiten in denen anderen Orts Grenzschließungen diskutiert werden, wird hier am Bahnhof und in der Stadt grenzenlose Hilfsbereitschaft gezeigt.“

Rasmus Andresen mahnte an, dass auch in Flensburg weiter hart an der Integrations- und Aufnahmebereitschaft gearbeitet werden müsste. Denn auch in der Stadt der großen Willkommensbereitschaft gebe es Tendenzen rechter Hetze, denen selbstbewusst und kritisch zu begegnen sei. Flensburg sei eine besondere Stadt, so Andresen, die in Zeiten von Abschottung extrem viel zu verlieren habe. Der Flensburger Abgeordnete machte deutlich, dass man im Umgang mit Rechtspopulismus von vielen Fehlern aus dem Nachbarland lernen müsste.

Konkret zu Dänemark sagt er:  „Mit falscher Rücksicht für RechtspopulistInnen, etwa durch die Anpassung der eigenen Politik, werden Parteien wie die AfD oder in Dänemark Dansk Folkeparti nur stärker. Statt spalterische und inhumane Asylgesetze vorzulegen, muss die Politik für den gesellschaftlichen Zusammenhalt arbeiten."

Katrine Hoop berichtete von Ihrem Engagement am Flensburger Bahnhof in der Hochphase des Flüchtlingszustroms.  Sie machte deutlich, welch unterschiedliche Menschen sich in der Willkommensgruppe am Bahnhof zusammengefunden haben, alle mit dem Ziel, gemeinsam etwas für die Ankommenden oder Durchreisenden zu tun. Für die Zukunft wirbt sie dafür, das Streben nach Integration durch eine Inklusionsperspektive zu ersetzen, die neuen Mitbürgerinnen und Mitbürgern dabei aber in erster Linie als Menschen zu begegnen und nicht zu sehr in der Kategorie unterschiedlicher Kulturkreise zu denken.

Sona Shirvanyan, selbst als Armenische Dolmetscherin aktiv in der Flensburger Flüchtlingsszene, beschrieb, wie sie Mitte der Nullerjahre als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist. Eindrücklich machte sie deutlich, wie sehr sie sich selbst damals eine Willkommensgruppe gewünscht hätte.  Das freiwillige Engagement in den Willkommensgruppen sei sehr bedeutsam, um den Geflohenen das Ankommen zu erleichtern. Gleichsam wies sie darauf hin, dass übersteigerte Erwartungshaltungen niemandem helfen – gerade was die rasche Integration angeht. Ankommen sei ein Projekt, das Jahre dauern könne. Sie verwies auf die liberale und entspannte Einstellung gegenüber Neuankömmlingen in der amerikanischen Gesellschaft.

Renate Schnack hob hervor, dass Schleswig-Holstein ob seiner drei Minderheiten – Friesen, Dänen, Sinti und Roma – besonders geeignet sei, die Unterschiedlichkeit verschiedener Gruppen in einer Gesellschaft zu akzeptieren und positiv zu wenden. Gleichsam wies sie darauf hin, dass autochthone Minderheiten von neu ankommenden Menschen unterschieden werden müssen.

Nach der Podiumsdiskussion schalteten sich die interessierten Gäste in die Diskussion ein und hakten bei den Diskutantinnen nach. An Frau von Kalben wurden Fragen zur aktuellen Flüchtlingspolitik gestellt. Sie resümierte und warb dafür, auch in Zeiten einer asylrechtlicher Verschärfung durch die Bundesregierung die Willkommenskultur weiter zu pflegen. Denn es gilt: Jetzt erst recht!

Abschließend sagte Sie: „Integration und aufeinander zuzugehen kostet Zeit, Kraft und Geld. Aber wir sollten nicht nur auf die Mühe, sondern auch auf den Erfolg achten. Wenn wir es jetzt gut machen, dann werden perspektivisch alle gewinnen - jene, die schon hier sind genauso wie jene, die zu uns kommen.“

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