Meine Landtagsrede zum Gottesbezug in die Verfassung des Landes Schleswig-Holstein aufzunehmen

 

Meine Haltung zu Gott ist die eines Agnostikers. Meinen  beschränkten Erkenntnismöglichkeiten  ist es verschlossen, ob es Gott gibt oder nicht. Wir müssen es uns in dieser Welt schon selber so einrichten, dass alle zu ihrem Recht  kommen. Wahrscheinlich hilft uns da keiner oder keine jenseits dieser Welt.

Vor diesem Hintergrund könnte es mir fast egal sein, ob und in welcher Form wir einen Gottesbezug in die Landesverfassung aufnehmen.

Weshalb ich mich dennoch heute zu Wort gemeldet habe, ist folgende Überlegung:

Von Befürwortern des Gottesbezugs wurde verschiedentlich vorgetragen, wir bräuchten eine Demutsformel oder Verantwortungsformel gegen menschliche Hybris und wertvergessenen Nihilismus. Die Gottesformel soll wie ein Schutzschild wirken gegen totalitäre Ideologien. Gleichsam wie ein in die Verfassung gestelltes Amulett zur Abwehr böser Geister. Zum Beispiel die des Faschismus oder des Kommunismus.

Herr Di Fabio hat das hier im Landeshaus ausgebreitet, aber auch Kollege Albig oder der lutherische Landesbischof aus Niedersachsen Ralf Meister.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wäre es tatsächlich so, ich wäre der Letzte, der gegen die Gottesformel sprechen würde. Allein, mir fehlt der Glaube.

Zu oft wurde der Name Gottes von den schlimmsten Bösewichtern der Geschichte missbraucht.

Nur ein Beispiel: das Verhalten vieler lutherischer Protestanten im Vorfeld der nationalsozialistischen Machteroberung 1933. 1932 gründete sich die lutherische Kirchenpartei „Deutsche Christen“, kurz DC. Sie bekam einen Riesenzulauf; bis 1933 hatte sie schon 1 Millionen Mitglieder. Etwa ein Drittel aller lutherischen Pastoren wurden Mitglied. Fußend auf den antisemitischen Schriften Luthers propagierte die DC einen christlichen Glauben, der sich von seinen alttestamentarischen ‚jüdischen‘ Wurzeln lösen sollte. Hitler wurde zu einem neuen „nordischen Heiland“ verklärt. Ihr Symbol war ein christliches Kreuz mit einem eingebauten Hakenkreuz in der Mitte. Ihr Reichsbischof Ludwig Müller verfügte nach der Machteroberung Hitlers die sofortige Entlassung aller Pastoren jüdischer Herkunft.

Diese Strömung war innerhalb der norddeutschen Lutherkirche keine versprengte Sekte. Sie dominierte in der Phase der Machteroberung der NSDAP 1932 bis 1933 die innerkirchliche Positionierung zum deutschen Faschismus. Der ‚Pfarrenotbund‘ und später die ‚Bekennende Kirche‘ blieben eine verschwindend geringe, auch von eigenen Glaubensbrüdern verfolgte und denunzierte Minderheit. Dominierend waren die Gläubigen und Pfarrer, die Hitler schafsfromm bis in den Untergang folgten.

Wohlgemerkt: Ich achte und schätze die heutige gesellschaftliche Rolle der Kirche außerordentlich. Bei den Themen ‚Erhaltung der Schöpfung‘, der Verteilungsgerechtigkeit in der Welt und vor allem in der Haltung zur Flüchtlingsfrage, z.B. beim Kirchenasyl, stehe ich voll und ganz an ihrer Seite.

Aber die eingangs erwähnten „Amulett-Theorie“ halte ich für eine große, letztlich schädliche Illusion. Die bestehende Präambel sollte so bleiben, wie sie ist. Ich kann keinem der vorgelegten Änderungsanträge zustimmen.

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