"Wir haben es satt" zum Dritten

Von Silke Spielmans, Referentin für Umwelt und Landwirtschaft

 

Ich hätte mich doch melden sollen für eines dieser Kostüme. Im schicken schwarzweißen Kuhfell oder als Hühnchen verkleidet wäre es immerhin eine Schicht mehr. Das würde aber auch nicht helfen gegen die kalten Füße. Warum geht es nicht endlich los? 

Bernd hat nicht mal eine Mütze dabei: Ich schick ihn los, eine zu kaufen. Der Landtagskollege aus Hessen führt seine Handschuhe vor, die er grad im Bahnhof gekauft hat. Ohne Handschuhe Transparente tragen geht heut wirklich nicht. Von dem, was weiter vorne auf dem Platz aus den Lautsprecherboxen schallt, höre ich nur Wortfetzen:  „Massentierhaltung, Antibiotika, Bienensterben, Agrarindustrie, Sojaimporte, Billigfleisch“, aber auch „ Greening, bäuerliche Landwirtschaft, Fruchtfolge, artgerecht, Vielfalt“. Die sich hier aus allen Teilen der Republik bei 9 Grad minus und eisigem Wind vor dem Berliner Hauptbahnhof versammelt haben, wissen, warum sie hier sind. Sie wollen klarmachen:  Wir brauchen eine Wende in der Agrarpolitik, genau so dringend wie die Energiewende.

Demo "Wir haben es satt"

 

„Hop, Hop, Hop, Agrarfabriken stopp“,  kommt es jetzt aus den Lautsprechern, wir rufen mit und hüpfen dabei ein bischen rum, das tut den Füßen gut.  Na klar, der Spruch passt irgendwie immer für eine Demo, aber kann man denn ein Atomkraftwerk mit einem Hühnermaststall vergleichen? Ist das nicht etwas übertrieben? Wenn aber mehr und mehr Ställe wie Pilze aus dem Boden schießen und immer mehr Flächen in Übersee in Anspruch genommen werden, um das Futter für all die Tiere zu erzeugen, die dann bei uns in immer größeren Schlachtfabriken am Fließband im Akkord von Leiharbeitern aus Rumänien oder wer weiß woher zu Billiglöhnen geschlachtet werden, nicht nur um bei uns den Rekordfleischkonsum von 60 kg pro  Nase zu decken, sondern auch, um Exportanteile in China zu gewinnen, mit dem Nebeneffekt, dass in Westafrika die regionalen Märte kaputt gehen, während  bei uns in den Intensivtierhaltungsgebieten das Grundwasser mit Nitrat angereichert wird, antibiotikaresistente Keime sich immer mehr verbreiten, die letzten bunten Wiesen aus der Landschaft verschwinden und die Kinder den Gesang einer Feldlerche bald nur noch vom Hörensagen und aus Volksliedern kennen, Milliarden von Steuergeldern EU-weit jährlich in die Landwirtschaft fließen und dennoch in der Landwirtschaft weiter Arbeitsplätze vernichtet werden, in einem rasanteren Tempo, als in jeder anderen Branche, dann ist klar: es geht nicht um einzelne Ställe, es geht um das System der Lebensmittelerzeugung, und das System ist krank.

 

Es ist krank, wie wir unsere Nutztiere zu Produktionsmaschinen degradieren, es ist krank und geradezu wahnsinnig, wie wir mit der endlichen Ressource Boden umgehen. Wir haben keine zweite Erde. Ohne synthetische Stickstoffdünger und Pestizide würde die Art von Pflanzenbau (die diesen Namen gar nicht verdient, ich sollte sagen: Monokultur) gar nicht mehr funktionieren.

Was wird nach dem Peak Oil aus diese Landwirtschaft? Die Weltbevölkerung kann so nicht ernährt werden, da sind sich die Agrarexperten einig. Das wissen auch die entwicklungspolitischen Organisationen, die zu dieser Demo mit aufgerufen haben. Wir haben uns inzwischen längst in Bewegung gesetzt. Toll, dass die Sambagruppe wieder da ist, es macht Spaß, den Rhythmus aufzunehmen.

Wo ist der schwarze vegane Block mit dem Transparent „Kein Gott, kein Staat, kein Fleischsalat“, das mir letztes Mal so gefallen hat? Ich sehe ihn nicht, um mich rum alles bunt.  Toll, was sich die Leute wieder alles haben einfallen lassen. Toll, dass wieder so viele Trecker da sind. Ich spreche mit dem jungen AbL`ler (Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft), der gestern mit seinem Kumpel in 12 Stunden von Wilster nach Berlin in Bernds Trecker gefahren ist. Auf der Rückfahrt wollen sie aber irgendwo unterwegs Pause machen, sagt er, mal ein bischen schlafen. Besser ist das wohl.

Toll, dass so viele Gäste da sind: aus Brasilien, aus Kenia, aus Rumänien, Frankreich, Niederlande... Wir sind 25 Tausend, höre ich von der Bühne vor dem Kanzleramt. Hören das auch die AgrarministerInnen, die sich bei Angela Merkel heute versammelt haben? Hören sie die Botschaft? Sorgen sie dafür, dass die angekündigte Agrarreform nicht wieder ein Reförmchen wird, oder sogar ein Schritt rückwärts? Verstehen sie, dass der mächtige „Bauern“verband, der selbst kaum noch von Bauern spricht, lieber von Unternehmern, dass dieser Verband nicht die Interessen der Mehrzahl der Bauern und Bäuerinnen im Land vertritt?.

Was kommt bei den Menschen an, die von der Demo in der Tagesschau hören? Das weiß ich nicht, aber eins weiß ich: wir dürfen, wir werden nicht locker lassen.

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Kommentare

Irgendwie inkonsequent. Wenn

Irgendwie inkonsequent. Wenn man Tiere isst, muß irgend jemand diese vorher umbringen. Wieso erwartet man von Leuten, die das tun, irgend eine Moral. Ich finde außerdem, wenn jemand Tiere isst, daß er es nicht besser verdient hat, als von seinen Kollegen vergiftet zu werden. Wer glaubt, er muß unbedingt Tiere essen, sollte sich mit Wild begnügen, daß zur Bestandsregulierung getötet werden muß. Wenns dann 30€ /Kilo kostet, kein Problem, wenn man es einmal/Monat isst. Für Erwachsene aber völlig überflüssig.Nix als Luxus

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Irgendwie inkonsequent. Wenn

Irgendwie inkonsequent. Wenn man Tiere isst, muß irgend jemand diese vorher umbringen. Wieso erwartet man von Leuten, die das tun, irgend eine Moral. Ich finde außerdem, wenn jemand Tiere isst, daß er es nicht besser verdient hat, als von seinen Kollegen vergiftet zu werden. Wer glaubt, er muß unbedingt Tiere essen, sollte sich mit Wild begnügen, daß zur Bestandsregulierung getötet werden muß. Wenns dann 30€ /Kilo kostet, kein Problem, wenn man es einmal/Monat isst. Für Erwachsene aber völlig überflüssig.Nix als Luxus
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