Wer pflegt uns morgen?

Ein Beitrag von Laura Hannusch

Wir alle wissen, dass der Anteil älterer und pflegebedürftiger Menschen steigt und auch weiter steigen wird. Dennoch ist die Situation von Gepflegten und Pflegenden prekär. Die Zukunft der Pflege ist eine der zentralen sozialen Herausforderungen unserer Gesellschaft. Wie können wir schon heute eine gute und menschenwürdige Pflege sicherstellen? Wer pflegt uns morgen?

Diesen Fragen ging Marret Bohn, pflegepolitische Sprecherin der Grünen Landtagsfraktion gestern im Kieler Landtag nach. Als Referent*innen war neben Andreas Westerfellhaus (Pflegebevollmächtigter des Bundes) Johannes Technau (Deutschlandchef Buurtzorg) eingeladen. Die Moderation übernahm Andreas Otto vom RSH. Dass das Thema hochaktuell ist, zeigte das große Interesse: Anstatt der ursprünglich 40 Zusagen, kamen knapp über 140 Teilnehmer*innen ins Landeshaus.

Zu Beginn der Veranstaltung sollten die Expert*innen in je 20-minütigen Vorträgen über ihre jeweilige Perspektive auf das Thema Pflege bzw. den derzeitigen Arbeitsstand referieren. Andreas Westerfellhaus berichtete davon, was das Bundesministerium geplant hat und wie seine aktuellen Bemühungen im alltäglichen Ringen um bessere Pflege aussehen. Zunächst verteidigte er das Sofortprogramm Pflege der Bundesregierung und stellte weitere politische Maßnahmen zur Verbesserung der Situation in der Pflege in Aussicht.

Unter anderem betonte er, dass Gesundheitsfachberufe insgesamt besser ausgebaut werden müssen und dass es nachhaltige Lösungsstrukturen brauche, um ehemalige Fachkräfte zur Rückkehr in den Beruf zu bewegen. Der von ihm vorgestellte Fünf-Punkte-Plan in dem er neben einer Prämie für Rückkehrer*innen und Aufstocker*innen beispielsweise auch das 80:20-Modell (80 Prozent Arbeit bei 100 Prozent Lohn) zur Diskussion stellte, soll dazu beitragen, die Rahmenbedingungen so zu verbessern, dass Pflegekräfte zurückgewonnen werden können. Letztendlich stellte er aber auch immer wieder die Frage nach der Finanzierung: „Wer soll das eigentlich bezahlen?“.

Marret Bohn klärte im Anschluss darüber auf, welche Erfolge auf Landesebene bereits erzielt wurden und appellierte daran, nicht den Optimismus zu verlieren. Zunächst berichtete sie von Erreichtem aus der Zeit der Küstenkoalition und ging später auf den Arbeitsstand während der bisherigen Zusammenarbeit in der Jamaika-Koalition ein.So beispielsweise die Aufstockung der landesgeförderten Ausbildungsplätze von 900 auf 2100 Stellen. Außerdem wurde neben einem dualen Pflegestudium in Lübeck auch eine Pflegeberufe-Kammer eingerichtet. In der Jamaika-Koalition konnte bisher unter anderem eine Aufstockung der Mittel für die Altenpflegeausbildung sowie der Investitionsmittel für Altenpflegeschulen erreicht werden.

Auf explizit grüne Forderungen ging Marret Bohn zum Ende ihres Vortrages ein: Neben einer Reform des Pflege-TÜVs, um Qualitätsstandards zu verbessern und mehr Transparenz zu schaffen, besteht eine konkrete Forderung in der Schaffung eines flächendeckenden Sozialtarifs. Eine prominente Forderung, die erstmalig in diesem Rahmen präsentiert wurde und die im Plenarsaal auf großes Interesse stieß, bestand in der Umwidmung des Solis in einen sogenannten Pflegesoli.

Im Anschluss an die Expertisen aus der Politik stellte Johannes Technau das Unternehmen Buurtzorg vor und gab Anstöße dafür, wie Pflege anders gedacht werden kann. Das ursprünglich aus den Niederlanden stammende Unternehmen namens Buurtzorg (Buurt = Nachbarschaft, Zorg = Pflege) entstand 2007, als die niederländische Pflegesituation der aktuellen Lage in Deutschland ähnelte. Unter den fünf Leitideen widmete sich Herr Technau während seines Vortrages insbesondere dem Vertrauen und bezeichnete dessen Fehlen als eines der größten Probleme in der ambulanten Pflege. Das neue Organisationsmodell, das die*den Patient*in in den Mittelpunkt stellt, strebt ein autonomes und selbstbestimmtes Leben für die betroffenen Personen an.

Im Anschluss wurde den Gästen die Möglichkeit geboten, sich mit ihren Fragen direkt an die Referent*innen zu wenden. Einigkeit herrschte darüber, dass Pflege ganzheitlich gedacht werden müsse und es wichtig sei, das System in all seiner Komplexität zu betrachten. Kritische Stimmen gab es unter anderem zur Ökonomisierung und Privatisierung der Pflege.

Grüne Partei SH
Anträge in Leichter Sprache
Grüne Kochen - Lieblingsrezepte und Politisches der Grünen Landtagsabgeordneten
Grüne Welle