Naturschutz im Rechtsextremismus: „Wir müssen uns deutlich abgrenzen“

Naturschutz ist Heimatschutz – Unter diesem Motto versuchen Rechtsextreme in Deutschland, den Naturschutz für sich zu vereinnahmen und ihre menschenfeindliche Ideologie gesellschaftlich anschlussfähig zu machen. Wir haben mit Yannick Passeick vom Projekt der Naturfreunde zur Radikalisierungsprävention im Naturschutz (FARN) und Katrin Wenz vom BUND darüber gesprochen, wie sich rechter Naturschutz entwickelt hat und wie heutige Umweltbewegungen mit Vereinnahmungsversuchen von Rechts umgehen.

 

Das Interview führen Marlies Fritzen, umweltpolitische Sprecherin, und Lasse Petersdotter, Sprecher für Strategien gegen Rechtsextremismus.

 

Marlies: Was verbindet Rechtsextremismus historisch mit Naturschutz?

Yannick:Die deutlichste Verbindung stellt die staatlich institutionalisierte Naturschutzpolitik im NS-Regime dar. Mit dem Reichsnaturschutzgesetz von 1935 wurden erstmalig sämtliche Bereiche des Naturschutzes von oberster Stelle geregelt. Doch bereits am Ende des 19. Jahrhunderts prägten antimoderne und völkische Akteure den Naturschutz im Deutschen Reich und der Weimarer Republik.

 

Marlies: Wie benutzen rechte Bewegungen heute Umweltthemen?

Yannick:Der Slogan „Umweltschutz ist Heimatschutz“ findet sich so oder ähnlich in allen rechten Gruppierungen. Umweltthemen werden in enger Verbindung mit der Bewahrung einer ethnisch homogenen Bevölkerung in einer „deutschen“ Landschaft benutzt. Letztlich finden sich immer Vorstellungen von „Blut-und-Boden“ oder, wie es heute heißt, „Ethnopluralismus“ wieder und damit wird eine Ablehnung jeglicher Migration begründet.

 

Lasse: Ist rechter Naturschutz anschlussfähig an heutige ökologische Bewegungen?

Katrin:Nein. Grundsätzlich verstehen wir als BUND unsere Rolle darin, für eine sozial und ökologisch gerechte Entwicklung einzutreten – dies beinhaltet einen respektvollen Umgang mit Natur und Mensch, auch jenseits von nationalen Grenzen. Wir haben darüber diskutiert, denn mit der AfD ist eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag eingezogen. Sie steht für rechtsnationales und antisemitisches Gedankengut. Unsere Vorstellung einer freien, gerechten und toleranten Gesellschaft ist mit den rassistischen und fremdenfeindlichen Tendenzen in der AfD nicht zu vereinbaren. Wir haben entschieden, dass der BUND öffentlich Stellung gegen die AfD bezieht - eine wichtige Entscheidung. Wir beteiligen uns aktiv an Bündnissen und Aktionen gegen eine erstarkende rechte Bewegung. Ich persönlich halte gerade dies für einen sehr wichtigen Schritt. Wir wollen der AfD keinen zusätzlichen Raum bieten, deshalb laden wir sie auch nicht zu Veranstaltungen ein. Eine Zusammenarbeit ist für uns keine Option.

 

Marlies: Wie beobachtet und bewertet die Umweltbewegung die Instrumentalisierung von Umweltthemen?

Katrin:Die AfD schreibt in ihrem Grundsatzprogramm: „Eine gesunde Umwelt ist die Lebensgrundlage für alle Menschen und zukünftigen Generationen.“ Ihre Vorstellungen zum Beispiel im Bereich Klima- und Energiepolitik, könnten von diesem Postulat nicht weiter entfernt sein. Der menschengemachte Klimawandel wird geleugnet und so eine der wichtigsten Zukunftsfragen ausgeblendet. Trotz dieser Widersprüche werden Umweltthemen instrumentalisiert. Es gilt wachsam zu sein. Im letzten Jahr sollte in Erfurt eine Moschee gebaut werden. Ein Naturschutzverein wurde gegründet, um das zu verhindern. Unser Landesgeschäftsführer stellte sich deutlich gegen alle Versuche, die Naturschutzargumente für fremdenfeindliche Interessen zu instrumentalisieren.

 

Lasse: Auf welche Mythen und Legenden wird bei Rechtsextremen im Naturschutz Bezug genommen?

Yannick:Zentral ist der „Blut-und-Boden“-Mythos von der Raumgebundenheit eines „Volkes“. Davon abgeleitet findet sich beispielsweise eine Konstruktion der Deutschen als „Waldvolk“. Da wird sich auf die Widerständigkeit und Härte der alten Germanen bezogen und damit die Notwendigkeit begründet, den Wald als elementaren Bestandteil der „Volksseele“ zu schützen.

 

Lasse: Welche menschenverachtenden Konzepte knüpfen heute hier an?

Yannick:Es geht immer um Ideologien der Ungleichwertigkeit. Mal wird von „Rassen“ und mal von „Kulturen“ gesprochen, aber stets wird sich vor einer „Vermischung“ und daraus folgend dem „Volkstod“ gefürchtet. Das sollte einem immer bewusst sein, wenn plötzlich ökologische Diskurse dafür genutzt werden, jegliche Migration abzulehnen.

 

Marlies: Wie lauten die Antworten der progressiven Umweltbewegung?

Katrin:Aktiv werden. Die AfD schürt Islamhass und stellt Migrant*innen als Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar. Der BUND hat dagegen mehrfach deutlich Stellung bezogen. Einige BUND-Gruppen haben Hilfe angeboten: Sie integrieren Asylsuchende bei der Umweltbildung, die BUNDJugend hat Geflüchtete eingebunden und mit ihnen gegärtnert und gekocht. Außerdem bietet die BUNDJugend zum Beispiel Argumentationstrainings gegen Rechts an.  Bildungsarbeit ist ganz zentral, insbesondere dort, wo junge Menschen politisiert werden. Für mich als Agrarreferentin lautet die Antwort: wachsam sein. Denn die agrarpolitischen Forderungen sind anschlussfähig. Wir dürfen ihnen nicht das Feld überlassen, sondern müssen uns deutlich abgrenzen. Ich bin im „Wir haben es satt“-Bündnis aktiv. Wir haben einen ganz klaren Konsens. Wir haben Nazis, Rassist*innen und rechte Hetze satt! Wir sagen nein zu Menschenfeindlichkeit jeglicher Art. Das ist wichtig, um rechten Gruppen keine Plattform zu bieten und die Bewegung für sich zu nutzen.

 

Lasse: Wie muss sich die ökologische Jugendbildungsarbeit aufstellen?

Yannick:Es ist wichtig, gleichzeitig einen verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt und mit den Menschen zu fördern. Für uns ist dabei leitend, dass es sich bei Humanität und Naturschutz nicht um Gegensätze handelt, sondern dass beide zusammen gedacht werden sollten. Und natürlich muss es immer wieder darum gehen, zu prüfen, wo sich im Naturschutz Anschlusspotenziale für rechtsextreme Ideologien finden.

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