Zum Bericht zur schulischen Qualitätsentwicklung in Schleswig-Holstein (Drucksache 18/3719, TOP 46) sagt die schulpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Anke Erdmann:
Einer der wenigen Verdienste der Großen Koalition von 2005 bis 2009 war die Annäherung von breiten Teilen des Parlamentes in der Schulpolitik und ein – im Bundesvergleich – wirklich modernes Schulgesetz. Über Jahre hinweg wurde leidenschaftlich eigentlich nur über die Schulstruktur gestritten. Heute herrscht in der Schulpolitik ein anderes Klima: Tauwetter!
Ungefähr zeitgleich mit den ersten großen Schritten der schleswig-holsteinischen Schulreform kam die Studie des Bildungsforschers John Hattie auf den Markt. Was sind demnach die größten Einflussfaktoren auf Lernerfolge?
Strukturfragen sind es demnach jedenfalls nicht. Die beliebtesten Debattenthemen aus den Parlamenten tauchen nicht auf: Kleinere Klassen? Laut Hattie ohne Effekt. Jahrgangsübergreifend oder nicht? Hattie sagt: egal. Die leistungshomogene Klassenbildung? – Auch egal. Auf der Hitliste der 138 untersuchten Einflussgrößen rangieren diese Aspekte auf den Abstiegsplätzen.
Ganz vorne mit dabei: Methoden, in denen Lehrkräfte die Perspektive der Lernenden einnehmen: Die Selbsteinschätzung und das Feedback der Schülerinnen und Schüler zum Unterrichtsgeschehen können – so Hattie – Hinweise an die Lehrkräfte geben, wie eine passgenaue Veränderungen des Unterrichtskonzeptes aussehen kann. Neben der Klarheit und der Glaubwürdigkeit der Lehrperson ist also die Reflektion besonders bedeutsam. Es geht um das Nachdenken, es geht um das Hinterfragen der Wirkung des eigenen Unterrichtes und das Anpassen des eigenen Unterrichtskonzeptes.
Bitter: Alle diese Faktoren können wir im Parlament nicht durch Gesetze beschließen und können wir nicht einfach per Haushaltsbeschluss verändern.
Die Hattie-Studie hatte in Deutschland noch nicht wirklich Aufsehen erregt, als die bildungspolitischen Leistungsverweigerer von der FDP den Schul-TÜV „EVIT“ im Vorreiterland Schleswig-Holstein wieder eingestampft haben. Nicht zielgenau und zu bürokratisch – das waren damals die Vorwürfe. Anstatt das Instrument weiterzuentwickeln, standen wir als einziges Bundesland über lange Jahre ohne Evaluationsinstrument da. Die Ministerin hat nun mit einem kleinen Team das Schulfeedback wiederbelebt. Für viele Schulen sind Evaluation und Feedback einfach Normalität in einem lernenden System.
Was bleibt? Waren die Debatten, die Gesetze und der Streit für die Katz? – Ich bin sicher, dass der Finanzrahmen wichtig ist und sich weiter und deutlich verbessern muss. Die Struktur muss verlässlich und verständlich sein. Aber es zeigt sich eben auch, dass wir hier im Plenum nicht so gerne über Qualitätsfragen beraten. Sie sind nicht so griffig und selten kontrovers.
Das Maßnahmenbündel der Landesregierung weist in die richtige Richtung. Die Fortbildungsoffensive und die Neuordnung der Lehrerausbildung fangen an zu wirken und wir bekommen gute Rückmeldungen – zum Beispiel für die beiden ersten Durchgänge des Praxissemesters, die Entwicklung von Fachanforderungen, die Weiterentwicklung Zentraler Prüfungen und die Ausweitung der Lernstandserhebungen.
Natürlich gibt es auch viele Felder, in denen wir konzeptionell nachsteuern müssen. Zum Beispiel die Gewinnung von Fachpersonal, die Weiterentwicklung von Inklusion und die bessere Gestaltung von Übergängen (beispielsweise durch die Jugendberufsagenturen). Die neusten PISA-Ergebnisse zeigen: Da ist noch viel Luft!
Aspekte aus dem Maßnahmenbündel dürften im Grunde unumstritten sein. Mit Leidenschaft werden die Debatten hier dann sicher nicht geführt. Nicht spektakulär aber wichtig: Let`s talk about... Quality! Ich freue mich auf die Ausschussberatungen.
Fraktion SH


