Es gilt das gesprochene Wort!
TOP 15 – Entwicklung einer OER-Strategie
Dazu sagt die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen,
Anke Erdmann:
Die analogen Open Educational Resources (OER) in meiner Schulzeit waren schmal, hatten markante schwarz-weiße Einbände und ein seltsam dünnes, gelbliches Papier: Die Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung. Im digitalen Zeitalter gibt es natürlich viel, viel mehr Möglichkeiten.
OER: Was verbirgt sich unter diesen drei Buchstaben, die ja nicht sehr griffig sind? Dazu drei Beispiele: Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) ist eine der TOP-Hochschulen der Welt. Schon 2001 hat das MIT beschlossen, alle Lernmaterialien, Lehrveranstaltungen etc. zugänglich zu machen. Der Gedanke ist einfach revolutionär: Jede/r kann Zugang zu Wissen und Lectures haben.
Um Zugang zu Wissen und Lehre am MIT dieser Elite-Uni zu bekommen, braucht man keinen Numerus Clausus, noch nicht einmal einen Abschluss und muss auch keine Studiengebühren zahlen. - Alle Kurse sind für Interessierte offen: Vorlesungen und Materialien für Mathe, Philosophie, in Hirnforschung, was auch immer: Das ganze Wissen liegt nur ein paar Mausklicks für jeden entfernt: Egal wo man ist, egal wann man will. Ich rate nur: Man sollte an dem Tag nicht mehr viel vorhaben….
Man muss aber gar nicht weit schauen: Die FH Lübeck hat z.B. mit dem Deutsch-Lern-Programm „Mooin“ im letzten Jahr hunderte Menschen erreicht. Auf einer Karte konnte man sehen, wo die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Sprachkurse waren: In Syrien, auf der Balkanroute, in Frankfurt und in Lübeck. Um eine Sprache zu lernen, brauchte man keine Immatrikulationsbescheinigung, keine Studierendenzimmer und schon gar keinen Platz in einem kleinen Tutorium, man brauchte nur ein Smartphone und den Link zu „Mooin“.
Wie sieht es mit lizenzfreiem Material aus, dass man auch weiter verwenden und bearbeiten kann. Eine Fülle findet man z.B. auf der Lernplattform Serlo – und auch gleich die Chance, selber mitzuarbeiten: Materialien zu erweitern, zu überprüfen und zu erstellen.
Die Potenziale von OER sind nicht zu übersehen: Der Unterricht kann deutlich spannender werden, weil so z.B. Audio- und Videosequenzen, interaktive Möglichkeiten und sehr differenziertes Material zugänglich ist. Ärger über veraltete Schulbücher gehören der Vergangenheit an und Ranzen können auch leichter werden. Die Unterrichtsvorbereitung von Lehrkräften wird sich so verändern. Ob sie mittelfristiger einfacher und effizienter wird, weiß ich nicht, aber sicher wird sie deutlich effektiver.
Eine breite Kultur des Teilens, des kooperativen Arbeitens - auch das ist ein Potenzial. Lehrkräfte werden immer mehr zu Teams statt Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer sein zu müssen, eine gute Entwicklung wie ich finde.
Der größte Reiz, die Offenheit führt paradoxerweise auch zu ein paar Hürden: Offenheit verlangt oft nach Regeln. Schon jetzt gibt es mehr als eine Milliarde Werke mit Creative Commons Lizenzen im Netz, die Hälfte davon kann bearbeitet werden. Aber Lehrkräfte stolpern oft über urheberrechtliche Fragen. Hier braucht es eine klare Handhabung, wie es z.B. die Lizenzhinweisgenerator für einen kleinen Teil bietet – sowohl bei der Nutzung als auch bei der Erstellung von Materialien.
Wie gelingt eine Qualitätssicherung bei so viel Material – sich ständig veränderndem Material? Braucht man ein Verfahren wie bei einer Schulbuchzulassung? Ich denke eher nicht! Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber ich denke, dass es eine „Schwarmintelligenz“ im Netz geben wird – wenn Material häufig verwendet wird und dies sichtbar wird, ist das meines Erachtens ein guter Hinweis für Nutzer. Ob es etwas wie Gütesigel oder Hinweise auf Leitplattformen geben muss, ist aber natürlich zu diskutieren.
Gerade bei dem Potenzial und der Vielzahl an Material und Nutzerinnen und Nutzern im Bildungsbereich in Schulen, Berufliche Bildung und Hochschulen muss man vorher entscheiden, wie eine gute gemeinsame Strategie aussehen kann. Das tut die KMK derzeit, auch die aktuelle „mapping“ Studie zu OER im Auftrag des Bundesministeriums gibt ebenfalls wichtige Hinweise.
Die wichtigste Konsequenz: Nicht jedes Bundesland alleine! Gerade bei OER geht es um Teilen, um einen kooperativen und kreativen Umgang mit Wissen. Es ist sinnvoll, sich einmal gemeinsam zu überlegen, wie es gehen kann. Und im Netz gibt es ja auch schon viele Ansatzpunkte, man muss nicht alles neu erfinden.
Wenn der Bund einen Digitalpakt plant, dann ist das gut. Es sollten aber auf Bundesebene nicht nur Milliarden für Anschluss und Endgeräte ausgegeben werden. Man sollte auch berücksichtigen, dass es vielleicht einen finanziellen oder personellen Anschub für OER braucht. OER muss Teil einer digitalen Gesamtstrategie sein. Und man sollte nicht am Ende darüber nachdenken, sondern die Grundfragen gleich mitdenken. Denn durch OER wird Lernen mit digitalen Medien erst richtig Schwung bekommen.
Dass sich Schleswig-Holstein aber nicht zurücklehnt ist auch klar: Die Open Access Strategie zeigt, dass es hier vorangeht. So wurden 2016 rund 100.000 Euro für den Aufbau eines Publikationsfonds für Open Access Publikationen bereitgestellt. Ich freue mich wirklich auf die Ausschussberatung und denke, wir sollten uns dazu auch Expertise von außen einladen.
Fraktion SH


