1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland - ein guter Zeitpunkt, sich intensiver damit auseinanderzusetzen

Es gilt das gesprochene Wort!

 

TOP 18 – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

 

Dazu sagt die religionspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Aminata Touré:

 

 

Sehr geehrte Frau Präsidentin,

liebe Kolleg*innen,

 

was wissen wir als Gesellschaft über heutiges jüdisches Leben? Ich befürchte, die meisten ziemlich wenig. Die Tatsache, dass wir in diesem Jahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland feiern, ist ein guter Zeitpunkt, sich intensiver damit auseinanderzusetzen.

 

Ich denke, die meisten Menschen verbinden mit jüdischen Menschen das, was sie in der Schule darüber erfahren haben. Über den Holocaust und damit über die Vernichtung, Verfolgung, Ermordung und Entmenschlichung von Jüd*innen.

 

Es wird für uns immer eine Pflicht sein, sich als deutsche Gesellschaft mit der abscheulichen Vergangenheit unseres Landes auseinanderzusetzen. Mit dem Anspruch, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, damit sich so etwas niemals wiederholt.

 

Marina Weisband sagt in einem Interview: „1700 Jahre Juden in Deutschland ist ein wichtiges Datum, weil es uns daran erinnert, dass das jüdische Leben schon immer, solange diese kollektive Gesellschaft denken kann, Teil der hiesigen Kultur war. Und das lenkt den Blick darauf, dass wir mehr sind als die Shoah. Jüdisches Leben und jüdische Kultur sind integraler Bestandteil dessen, was man heute als deutsche Kultur bezeichnen würde.”

 

In Schleswig-Holstein haben wir mit der Jüdischen Gemeinschaft und dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden aktives und sichtbares jüdisches Leben. Mit ihnen haben wir Menschen, die Bildungs- und Aufklärungsarbeit leisten, aber eben auch jüdische Kultur und das Judentum leben und weitergeben.

 

Mit der jüdischen Gemeinde in Bad Segeberg habe ich über ein Unterstützens wertes Projekt gesprochen. Ein Denkmal für die ehemalige Synagoge, die 1938 verwüstet und 1962 abgerissen worden ist. Ich hoffe, die Stadt unterstützt dieses Vorhaben, und dass solche Projekte in allen Kommunen vor Ort unterstützt werden.

 

Unsere Kulturministerin Karin Prien hat gemeinsam mit dem Beauftragten für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, Peter Harry Carstensen, am Dienstag den Startschuss für das Jubiläumsjahr gegeben. Auf der Website des Ministeriums kann man über das Jahr verteilt über 130 Termine finden, unter dem Motto SHalom/Moin. Es lohnt sich, da mal reinzugucken.

 

Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft die Notwendigkeit begreifen, sich jeder Form von Antisemitismus entgegenzustellen und für jüdisches Leben einzustehen. Erst wenn das Tragen einer Kippa in der Öffentlichkeit keine antisemitische Gewalttat auslöst – erst wenn Gedenktexte bei Stolpersteinen nicht zerstört werden wie in Lübeck – erst wenn kein antisemitischer Schriftzug bei der Bärenskulptur im Werftpark in Kiel zu finden ist – erst wenn keine antisemitischen Verschwörungsmythen auf einem Flyer in einem Tattoostudio in Flensburg zu finden sind – erst dann können wir davon ausgehen, dass Antisemitismus kein Problem ist.

 

Es sind vor allem Jüd*innen selbst, die die Mehrheitsgesellschaft über jüdisches Leben und Antisemitismus aufklären. Wie so oft sind es Minderheiten selbst, die diese Aufgabe übernehmen. Das Mindeste, was der Rest tun kann, ist, zuzuhören und zu lernen, sich aktiv gegen Antisemitismus einzubringen.

 

An dieser Stelle möchte ich die Jüdische Studierendenunion Deutschland grüßen, für die ich heute ein Insta-Take-Over mache. Ich danke ihr für das, was sie tut. Sie beschreibt sich als ein Zusammenschluss von empowerten und engagierten jungen Jüd*innen, die ein pulsierendes, facettenreiches sowie nachhaltiges jüdisches Leben in Deutschland gestaltet und zu einer vielfältigen und hassfreien Gesellschaft beiträgt.

 

Ich möchte abschließen mit den Worten von Max Czollek. Im letzten Kapitel „Jüdisch-muslimische Leitkultur“ seines Buches Gegenwartsbewältigung schreibt er: „Seit dem Erstarken der Rechten im Parlament und auf der Straße werde ich oft gefragt, ob ich mich schon nach einem anderen Ort umschaue, ob ich von hier weggehen würde, wenn es hart auf hart kommt.

 

Meine Antwort lautet damals wie heute: Ich schaue mich nicht um. Gegenwartsbewältigung heißt, dass man uns mit den Füßen zuerst aus den Shishabars und Synagogen, Spätis und Darkrooms wird tragen müssen. Wir räumen nicht das Feld, auch wenn nichts wieder gut wird. Nicht mit der Heimat, nicht mit der Leitkultur, nicht im Kapitalismus. Aber wenn wir verlieren, verlieren wir zusammen.“

 

Mir schnürt es jedes Mal den Hals zu, wenn Minderheiten, wenn jüdische Menschen mit der Frage konfrontiert werden, ob sie Deutschland verlassen werden. Aber ich teile seine Ansage: Wir räumen nicht das Feld. Wir stehen solidarisch zusammen. Als vielfältige Gesellschaft.

 

Das Verteidigen von Grundrechten, frei von Antisemitismus zu leben, hört nicht irgendwann auf. Es bleibt eine immerwährende Aufgabe in einer Demokratie. Unsere Aufgabe als Demokrat*innen, ob in der Politik oder in der Zivilgesellschaft, ist, für die Rechte von Minderheiten, für jüdische Menschen, einzustehen.

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