Der „Arme Poet“ darf nicht zur kulturpolitischen Signatur der Pandemie werden

 

 

Es gilt das gesprochene Wort!

 

TOP 2 – Kulturfestival SH und coronabedingte Kulturhilfen

 

Dazu sagt die kulturpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Marlies Fritzen:

 

 

First in, last out – das ist das Schicksal der Kultur- und Kreativbranche seit Beginn der Corona-Pandemie im Land. Sie wurde als erste geschlossen und man braucht keine hellseherischen Qualitäten, um vorherzusagen, dass sie voraussichtlich überwiegend als Letzte wieder an den Start gehen wird.

 

First in, last out mag für die warenhaltende Lagerwirtschaft Sinn ergeben, für eine offene und vielfältige Gesellschaft ist es gerade in Zeiten wie diesen fatal. Was macht uns Menschen denn im Wesentlichen aus? Das ist doch nicht allein die Sorge, krank zu werden. Es ist die Verständigung darüber, wie wir miteinander auch und gerade in solch krisenhaften Zeiten umgehen. Und wo wird dieses verhandelt? Genau: gerade in Kunst und Kultur spiegelt sich gesellschaftlicher Diskurs und soziale Teilhabe und Entwicklung. Kunst und Kultur sind nicht elitärer Luxus sondern – wie es die Mitglieder der Musikhochschule Lübeck in einer Erklärung am vergangen Mittwoch formulieren - „lebensrelevant“.

 

Menschen leben eben nicht vom Brot allein, sondern von der gegenseitigen Ansprache und dem geistigen Austausch. Und der ist nicht ersetzbar, schon gar nicht allein digital erschöpfend. Das gemeinsame Erleben, Zuhören, Staunen, Erkennen lässt sich nie in ein binäres Schema pressen.

 

Videokonferenzen helfen uns bei der aktuell notwenigen Kontaktreduzierung enorm beim Austausch und dabei, Entscheidungen vorzubereiten. Wir können froh sein, dass es diese Möglichkeiten gibt und sollten sie gerade auch für unsere parlamentarische Arbeit ausbauen, damit diese nicht zum Erliegen kommt. Aber sie ersetzen unsere Sehnsucht nach realer Begegnung keinesfalls.

 

Der Moment des ausklingenden Tons bei einem Konzert, der gemeinsamen Stille bevor der Applaus anhebt ist tiefes Erleben und echtes Gefühl, das sich nicht streamen lässt.

 

Man möchte meinen, angesichts der realen Bedrohung durch die Pandemie ist das doch wohl eine Weile verzichtbar. Das stimmt aber nur auf den ersten Blick. Kunstgenuss ist auch heilsam, kulturelle Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich und den anderen tut wie gesagt gerade jetzt Not, um durch diese Zeiten zu kommen.

 

Das gilt für uns alle und es gilt aber in einer noch ganz besonders existenziellen Weise für Künstler*innen, für Kulturschaffende und Arbeiter*innen in der Kreativbranche. Sie alle sind oftmals freiberuflich unterwegs und fielen im März von jetzt auf gleich ins Einkommens-Nichts.

 

Es sind nicht nur außergewöhnliche Zeiten für unsere gesamte Gesellschaft, in denen Rücksicht und Verantwortungsbereitschaft besonders wichtig sind. Es sind für alle Kulturschaffenden existenziell bedrohliche Zeiten.

 

Kulturförderung in Sonntagsreden ist ein Kinderspiel - Kulturförderung in Corona-Zeiten ist ein Kraftakt. Kulturschaffende brauchen dringend unsere Solidarität und unsere Unterstützung. Deshalb ist es richtig, dass die Kulturhilfen des Landes verlängert werden, es ist richtig, dass wir mit der Projekthilfe für Künstler*innen geholfen haben und es war gut, dass mit dem ziemlich spontan entstandenen Kulturfestival SH eine Bühne geschaffen wurde. Und es ist gut, dass jetzt endlich für diese Menschen auch über einen Unternehmer*innenlohn verhandelt wird.

 

Ob die Novemberhilfen und die Neustart-Mittel ab Januar auskömmlich sind, wird sich zeigen. Was aber schon heute klar ist, ist, dass wir grundsätzlicher die Frage der sozialen Absicherung von Freiberufler*innen thematisieren müssen.

 

Genauso wenig, wie das Virus unser Leben beherrschen darf, darf der „arme Poet“ die kulturpolitische Signatur dieser Pandemie werden.

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