Kunst muss frei sein – Künstler*innen brauchen unsere Unterstützung

Es gilt das gesprochene Wort!

 

TOP 14 – Neuauflage der Kulturhilfen

 

Dazu sagt die kulturpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen,

Marlies Fritzen:

 

Kunst muss frei sein, unabhängig und offen für Wagnisse. Experimentieren und sich hinaus begeben in unbequeme, unerforschte, unsichere Welten. Die Bretter, die diese Welt bedeuten, haben kein Netz und doppelten Boden.

 

Aber gleichwohl leben Künstler*innen nicht von der Hand in den Mund. Sie brauchen Einkommen und müssen sich absichern können, nicht zuletzt für Zeiten wie diese.

 

Das ist ein immanenter Widerspruch, der sich nicht auflösen lässt. Die Unabhängigkeit, die Selbstständigkeit ist für viele Kreative konstitutiv für ihren Beruf. Dies passt mit unseren gängigen Sozialversicherungen oft nicht überein. Die Corona-Pandemie mit ihrem für Kulturschaffende nunmehr über einjährigen Lockdown macht das zu einem besonderen Problem.

 

Ich freue mich, dass wir weitere drei Millionen Euro für Künstler*innenstipendien auskehren. Die Nachfrage beweist, dass diese Hilfen dringend gebraucht werden. Bereits drei Wochen nach dem Start lagen 750 Anträge vor. Der Landeskulturverband wickelt diese schnell und unbürokratisch ab. Es dauert in der Regel nur wenige Tage, bis das Geld - bis zu 2000 Euro - auf dem Konto der Kulturschaffenden ist. Es ist abzusehen, dass der drei Millionen-Topf schnell geleert sein wird. Deshalb werbe ich innerhalb der Jamaika-Koalition darum, dass diese Stipendien weiter angeboten werden.

 

Das Bundesprogramm Neustart Kultur und die Stipendienhilfen SH fangen einiges auf, lösen aber das grundlegende Problem nicht. Wir sollten diese Krise deshalb zum Anlass nehmen, die sozialen Sicherungssysteme auch für Freiberufler*innen und Solo-Selbständige zu öffnen. Aktuell ist es zum Beispiel so, dass sie sich auf Antrag nur dann gegen Arbeitslosigkeit versichern können, wenn sie zuvor zwei Jahre abhängig beschäftigt waren und 12 Monate Pflichtbeiträge gezahlt haben. Das passt aber für viele Berufsbiographien in diesen Bereichen überhaupt nicht, für Menschen nämlich, die direkt nach Studium oder Ausbildung frei arbeiten – oft übrigens auch, weil es gar keine abhängig-beschäftigten Arbeitsplätze gibt.

 

Künstler*innen, die sich in der Corona-Krise mit anderen Jobs über Wasser halten müssen, drohen zudem aus der Absicherung der Künstlersozialkasse zu fallen.

 

So wichtig also unsere Kulturhilfen für Künstler*innen sein mögen, so unzulänglich können sie dieses grundsätzliche Dilemma auflösen. Ich appelliere an die nächste Bundesregierung dieses Thema ernsthaft aufzunehmen und im Sinne einer besseren Absicherung für Freiberufler*innen im Rahmen einer breit gestützten Bürgerversicherung zu lösen.

 

Daneben ist eine klare Öffnungsperspektive auch für die Kultur dringend. Die Berliner Philharmoniker und das Berliner Ensemble haben es vorgemacht: erst testen - dann Theater – natürlich mit Hygienekonzept. Nach einem Jahr Pandemie wissen wir doch, worauf es ankommt. Mit dem Virus leben, heißt jetzt die Devise. Und die wird angesichts einer weltweiten Ausbreitung und der damit zusammenhängenden Mutationen noch weitere ein bis zwei manche schätzen gar fünf Jahre andauern. Ich finde, wir müssen uns da auch ehrlich machen: testen, impfen, Hygieneregeln werden uns weiter begleiten. Für erste müssen die Regierungen sorgen, für letztere sind wir alle als Bürger*innen verantwortlich.

 

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