Es gilt das gesprochene Wort!
TOP 37 – Umsetzung des Digitalen Lernens
Dazu sagt die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Anke Erdmann:
Die ICLIS Ergebnisse zeigen: Bei unterdurchschnittlicher digitaler Infrastruktur liegt die „digitale Kompetenz“ unserer SchülerInnen deutlich über dem OECD-Durchschnitt. EU-bezogen liegen wir im Mittelfeld.
Führt digitales Lernen zu besseren Lernerfolgen? Steigen die Leistungen? – Weder die Studien von Bildungsökonomen noch von Hirnforschern belegen dies. Ist die Digitalisierung des Lernens nur ein Riesenhype? Ist das Geld in diesem Bereich schlecht angelegt? Wir Grünen sagen: „Nein, aber es eines von mehreren Feldern, in die wir investieren sollten, wenn auch nicht den Löwenanteil.“
These 1:
Es geht um das Maß – die Mischung macht`s!
Einige Hirnforscher, wie Prof. Manfred Spitzer, warnen davor, Kinder zu früh an digitale Medien heranzuführen. Darum war ich beim Einsatz des digitalen Lernens an Grundschulen auch eher skeptisch. Ist es nicht besonders wichtig, in den Grundschulen das Lernen darauf auszurichten, dass die Kinder etwas begreifen – im wahrsten Sinne des Wortes?
Ja, aber das ist kein Widerspruch! Beim Wettbewerb der Ministerin gab es eine Vielzahl von Grundschulen, die prämiert wurden. Die Hermann-Löns-Schule in Ellerbek habe ich mir angeschaut. Die Kinder dort arbeiten mit Laptops. Die Stunde, die ich gesehen habe, begann aber mit der Arbeit am Rechenschieber. Die Laptops wurden erst anschließend hochgefahren und jedes Kind arbeitete dann im eigenen Tempo, bekam auch ein unmittelbares Feedback, ob die Aufgabe richtig gelöst war.
Ist die Lehrkraft also überflüssig? – Im Gegenteil: Sie geht durch den Raum, gibt Hilfestellung, schneidet mit, wer sich auf welchem Niveau bewegt – und kann nach dem Unterricht genauer und in Ruhe anschauen, wo Max hängen geblieben ist und dass Finn in der nächsten Stunde mehr Futter braucht oder als „Coach“ für seine Mitschüler arbeiten könnte.
Und im Zweifel steht in der Mitte der Klasse ein Materialtisch mit Knete. Hier ist also „Begreifen“ und ein „spielerischer“ Zugang zum digitalen Lernen gegeben.
These 2:
Digitalisierung kann ein Weg zu mehr Medienkompetenz sein. Das ist klar. Digitalisierung kann aber auch ein Weg zu mehr Aktivierung, Methodenvielfalt, Heterogenisierung und Team-Play, zu mehr Methodenvielfalt und Individualisierung sein.
Nun könnte man sich ein Schreckensszenario vorstellen: Alle Kids starren auf ihren Laptop, per Kopfhörer erhalten sie Input und die unmittelbare Fehlermeldung gibt das Programm – die völlige Atomisierung des Lernens. Das begegnet mir aber nicht. Die Schulen, die ich gesehen habe, erweitern das Spektrum. Keine mäßigen Hörspielaufnahmen im Fremdsprachenunterricht, sondern zeitgemäße Lernfilme auf Englisch, in denen sich Handlung und Sprache verbinden – und die einfach mehr Spaß machen.
Per Tablet motivieren Lehrkräfte pubertierende Jungs dazu, sich eine Woche mit Gedichten auseinanderzusetzen. Sie regen zu Gruppenarbeit mit ganz neuen Potenzialen an und bieten Möglichkeiten der Binnendifferenzierung – ohne aus dem Klassenzimmer eine große Zettelwirtschaft zu machen.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Ein guter analoger Unterricht kann genauso gut sein. Alle Lehrkräfte, die ich gesehen habe, würden auch ohne Einsatz digitaler Medien durchstarten. Vielen Lehrkräften und Schülerinnen macht der Zugriff auf aktuelle YouTube-Videos und auf neue Präsentationsmöglichkeiten Spaß. Sie nutzen lieber digitale Recherchemöglichkeiten als die Leihbücherei physisch zu plündern.
Ich habe auch erlebt, dass Kollegien sich auf diese Weise stärker abgesprochen haben, dass überlegt wurde, wie die Unterrichtskonzeptionen für die Kollegien mit einem Knopfdruck nutzbar werden könnten. Insgesamt liegen in einer verbesserten digitalen Infrastruktur große Potenziale – gerade für Lehrkräfte, die gewohnt sind, über soziale Netzwerke zu interagieren. 1+1 kann mehr als 2 sein.
Schulträger und Land haben unterschiedliche Zuständigkeiten, die hier aber besonders zusammenwirken müssen. Hier ist es schwer, eine landeseinheitliche Linie zu fahren, wenn die Schulträger völlig unterschiedlich aufgestellt sind. Es besteht ein Problem bei der Ausstattung und dem Service. Je mehr digitales Lernen stattfindet, desto wichtiger ist, dass die Infrastruktur steht und Fehler schnell behoben werden – vom Schulträger, nicht von den Lehrkräften. Hier läuft es noch nicht überall Hand in Hand.
Schwierig ist es aber auch andersrum: Wenn Investitionen in eine digitale Ausstattung fließen, die nicht zum Konzept passt. Ein interaktives Whiteboard an einer Schule, in der Lehrkräfte den Einsatz von digitalen Medien skeptisch sehen, ist kein Beitrag zur Modernisierung, sondern eine Fehlinvestition.
Bei allem Schwung für digitales Lernen ist eine „Zwangsdigitalisierung“ gegen den Willen der Lehrkräfte schwierig. Guter analoger Unterricht ist genauso wirksam und wenn Schulen lieber ein paar Tablets anstatt eines festinstallierten PC-Raums wollen, kann es auch zu Fehlinvestitionen kommen. Wir brauchen hier also neue Wege, um Schulträger und Landespolitik zu synchronisieren. Für ein freiwilliges „update“ sozusagen.
Die Schule soll auch ein Gegenpol von einem zunehmend digitalen und virtuellen Alltag sein. Handschrift ergibt sich aus Training und Feinmotorik wird nur begrenzt am PC geschult. Rechtschreibung sollte nicht nur das Autokorrekturprogramm des Rechners, sondern auch der eigene Kopf beherrschen. Der umfassende Bildungsauftrag von Kopf, Herz und Hand braucht die Mischung!
Ich bin froh, dass die Ministerin dem Thema jetzt deutlich Schwung verleiht, weil viele SchülerInnen sich durch den Modernitätsschub angesprochen fühlen, weil digitales Lernen Chancen zur Binnendifferenzierung gibt und weil die Potenziale für Kollegien, vom Einzelkämpfer zum Teamplayer zu werden, unübersehbar sind - Step by step!
Fraktion SH


