FDP will Schulabschlussprognosen für Viertklässler

Es gilt das gesprochene Wort!

TOP 8 – Entwurf eines Gesetzes zur Wiedereinführung der Schulübergangsempfehlung und zur Stärkung der Durchlässigkeit zwischen den Schularten

Dazu sagt die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Anke Erdmann:

Herr Präsident, meine Damen und Herren.

Die FDP schlägt vor, dass alle Neun- und Zehnjährigen in Schleswig-Holstein eine Prognose bekommen, welchen Abschluss sie fünf bis neun Jahre später erreichen werden – völlig abwegig! Stehen Schulartenempfehlungen schon in der Kritik, so ist die Idee von Schulabschlussprognosen von Viertklässlern wirklich komplett aus einem anderen Jahrhundert!

Stress ist ein großes Thema bei den Jungen und Mädchen an den Grundschulen. „Stress“, so heißt auch eine Studie von Prof. Heinz Reinders aus Würzburg. Er hat die Stressbelastung bei Eltern und Kindern vor dem Übergang in die Sekundarstufe untersucht. Die Befunde machen klar: Kinder und Familien stehen in den Klassen drei und vier oft unter erheblichem Druck.

In Bayern - mit seiner bindenden Schulartempfehlung - leidet die Hälfte der Kinder unter solchem Druck; in Hessen, wo Eltern mitreden dürfen, sind es deutlich weniger. Aber mit rund einem Viertel sind es immer noch zu viele. Gutes Lernklima braucht Ansporn, nicht Angst. Wenn wir also den Druck aus den Grundschulen nehmen wollen, dann tun wir das, weil wir uns davon mehr Leistung versprechen.

Wer noch einen Grund braucht: Die Gabe von Psychopharmaka an Kinder und Jugendliche ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Sieben Prozent der elfjährigen Jungen nehmen beispielsweise Ritalin. Das ist doch ein Warnsignal.

Uns ist es wichtig, den Druck aus der Grundschule zu nehmen. Dieser Wunsch wurde auch im Bildungsdialog deutlich. Die FDP will die Schulübergangsempfehlung sogar im Gesetz verankern, wo dies bislang nicht zu finden war. Das ist eindeutig die falsche Richtung.

Im zweiten Jahr gibt es in Schleswig-Holstein nun mündliche Schulartenempfehlungen. Hier fließt die Einschätzung der Lehrkräfte ein, denn sie haben die Kinder meist vier Jahre begleitet. Es ist ärgerlich, dass auch im zweiten Durchgang in vielen Schulen offenbar Unsicherheit besteht. Denn die Beratungspraxis sieht noch sehr unterschiedlich aus: Teilweise wird gar nichts gesagt, teilweise nur auf Nachfrage, mitunter gibt es aber auch schulscharfe Empfehlungen.

Schriftlich wird dies nicht mehr festgelegt, aus verschiedenen Gründen:

Erstens: Wir alle wissen, dass zu viele Schulartenempfehlungen falsch sind und das Selbstbild negativ mitprägen. Wir wissen, dass bei gleicher Leistungsfähigkeit von Kindern, eine gute Empfehlung noch immer deutlich häufiger zu bekommen ist, wenn die Eltern studiert haben. Hierbei handelt es sich nicht um rot-grün-blaue Folklore, sondern über Studien und Auswertungen von Bildungsforschern über Jahre hinweg – auch von den Kieler Bildungsforschern Prof. Jürgen Baumert und Prof. Olaf Köller.

Das hat nichts mit Leistungsgerechtigkeit zu tun! Darum wollen wir den Rat der Lehrkräfte, die die Kinder vier Jahre begleitet haben. Aber im Gespräch, differenziert und nicht schwarz auf weiß.

Zweitens: Welche Schulart soll denn angekreuzt werden, wenn es nur zwei gibt, beide zum Abitur führen und die FDP das Elternwahlrecht nicht wie in Bayern abschaffen will?

Dass das nicht geht, ist auch der FPD aufgefallen. Darum will die FDP jetzt in Klasse vier den Kindern auf den Kopf zusagen, wer den ersten, den mittleren oder den höchsten Abschluss erlangen will. Sie ignorieren, wie oft das schief geht, wie wenig valide die Empfehlungen sind. Schulpolitisch sind Sie so was von Adenauer.

Warum machen Sie das? Die gute Absicht ist, dass Sie Kinder, die auf dem Gymnasium nicht mitkommen, eine Ausstiegsmöglichkeit geben wollen. Spricht man mit Schulleitungen von Gymnasien sind da viele eher gelassen: Es geht um Einzelfälle. Eltern und Lehrkräfte sehen das mitunter anders.

Hier wird mitunter außer Acht gelassen, dass sich insgesamt die Schülerklientel am Gymnasium verändert – nicht seit 2014, sondern seit 1994. Stetig! Nicht umsonst wird dies schon seit langem thematisiert.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, hier zu helfen. Die Abende für die kommenden fünften Klassen – sie verlaufen sehr unterschiedlich: Als Werbe- oder Info-Veranstaltungen, die ein realistisches Bild über die Anforderungen vermitteln. Viele Schulen haben Fördersysteme in Klasse fünf und sechs etabliert. Der Schulwechsel ist noch immer möglich. Es geht also um die kleine Gruppe der Schülerinnen und Schüler, in denen die Eltern ihre Kinder mit falschen Leistungsanforderungen und -erwartungen konfrontieren. Nur hier würde Ihr Gesetzentwurf vielleicht helfen. Dafür alle Kinder mit einer Kopfprognose über ihren Schulabschluss zu belegen, mit allen fatalen Folgen, die das hätte, das ist ein viel zu hoher Preis!

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