Ausstellung: "Textbildobjekte" Helga Adam / Susanne Kleiber / Andrea Nimax 13.06. - 06.08.12

Musik:   Filiz Birkandan, Gitarre

Eröffnungsrede zur  Ausstellung

von  Annette Mewes-Thoms, Bildende Künstlerin

So wenig wie uns verbitterte Sprachlosigkeit im Leben weiterbringt, so gering ist auch die Möglichkeit, ohne Dialog näher an die Kunst heranzukommen. K e i n e Frage um ein Kunstwerk lässt sich endgültig beantworten und deshalb bleibt der Dialog um die Bedeutung eines Kunstwerkes immer ein Experiment, wie auch das Werk selbst.

Guten Abend liebe Gäste - Ich darf Ihnen heute 3 Künstlerinnen bzw. 3 Experimentatorinnen vorstellen, denen das Thema Text seit langem so viel Zündstoff liefert, dass zwangsläufig eine Text-plo-sion erfolgen musste. Die Ausstellung TEXTBILDEROBJEKTE zeigt die jüngsten Schmauchspuren ihrer Experimente. Mit gezündelt hat Helga Adam, die ihre Werke mit selbstgeschöpftem Papier arbeitet. Susanne Kleiber, die in den Bereichen Malerei und Objekt tätig ist und Andrea Nimax, die von der Fotografie kommt und Mitte der 80-er zur Malerei überwechselte.

Alle 3 Künstlerinnen zündeln freischaffend in ihren Hamburger Ateliers. Text-plo-sion.....Was ist das und was ist ein Text? Eine zufriedenstellende Kurzdefinition für Text konnte ich nirgendswo finden. Erfahren habe ich aber, dass ein Text sogar nur aus einem einzigen Wort bestehen kann, wie z. B. der Aufforderung „bleib“. Text kann aber auch ein ganzer Satz oder mehrere sein, wie „Bitte hören Sie mir noch einen Moment zu – liebe Gäste!“ Fest steht: Text dient zur Kommunikation und Kommunikation beinhaltet Information.

Informationen in Text-, Sprach- oder Bildform überfluten uns tagtäglich. In meiner Kindheit lieferten nur das Radio, die Zeitung, der handgeschriebene Brief und der beliebte Tratsch im Treppenhaus die neuesten Informationen .....ach, und nicht zu vergessen.....das teure Telefon, dessen Klingeln noch ein Ereignis war. Die Menge an Informationen war zu damaliger Zeit noch gut zu bewältigen. Heute werden wir überflutet. Da prangen elektronische Werbeplakate an den Straßenrändern, beschallen uns Lautsprecher im Supermarkt, läuft in vielen Haushalten den ganzen Tag der Fernseher, lässt Infopost die Briefkästen überquellen (und Wahlplakate werden an Türen geklebt! (wurde frei eingefügt)). Es hat sich eine neue Medientechnologie entwickelt. In unserer – heute von Mobilität geprägten Gesellschaft gehört das Mobiltelefon zu jenen modernen Kommunikationstechnologien, das zur globalen Vernetzung beiträgt. Die SMS hat sich als weitgehend „störungsfrei“ und diskret etabliert. Meist leise brummend kündigt sie sich in allen Lebenslagen in unseren Brust- oder Handtaschen an. Unsere Technik wird immer schneller und der Mensch zum hinterher hinkenden Opfer. Mit einer neuen SMS-Kürzelsprache versucht er Zeit zu gewinnen. Auch beim Twittern im größten Kommunikationssystem dieser Welt, dem World Wide Web , tauchen diese, für den Laien nicht mehr entzifferbaren Zeichenreihen auf.

Der M e n s c h erschuf das Internet, doch wer sich in die Netzwelt begibt - wird dort nicht auf Menschen treffen, klagt Helga Adam in ihren Werken an. Hier trifft man – wie sie sagt - nur auf Zeichen, die wiederum auf andere Zeichen verweisen. Klickt der Besucher sie an, gerät er in den Sog der sich permanent fortschreibenden Hypertexte und unternimmt eine Reise mit ungewissem Ziel. Die verzweigten Informationslaufbahnen scheinen endlos zu sein. In einem netzartigen Gewebe hangelt sich der Besucher von einem Knotenpunkt zum andern – dazwischen liegt eine Flut an Information unterschiedlichster Qualität. Das Wort Text, das sich vom lateinischen textum gleich Gewebe ableitet, nimmt Helga Adam wörtlich. Sie erschafft ihre eigene Netzwelt, flechtet Text-net-ze aus Papier, einem Material, das in Europa seit dem 14. Jahrhundert zum Niederschreiben von Text dient. Im Netz der Künstlerin hängen Zeichenreihen aus handgeschöpften Papierbuchstaben. Ihre ästhetische Schönheit berichtet über ihre einzigartige Schöpfung. Die Buchstabenreihen sind meist Wortfragmente und fordern ihre Vervollständigung bis hin zur Lesbarkeit. Ihr Sinnverweis führt uns in Richtung Medienwelt. Das handschriftlich verfasste Persönliche hat in dieser Welt keinen Platz mehr und geht immer mehr verloren. Technisch-kalt und seelenlos wirken die maschinell erstellten Textfragmente auf Industriepapier, wenn sie das haptisch und sinnlich erfahrbare Netz der Künstlerin bewahrend umgibt.

Kommunikation ist vielschichtig. Diese Vielschichtigkeit beschäftigt Susanne Kleiber. Die Künstlerin arbeitet in Serien. Ihre Bilder sind von dreidimensionalem, objekthaften Charakter, die keine Verankerung einer festen Botschaft in sich tragen, sondern eine Öffnung der Bedeutung in alle Richtungen. Die Bild-Reihungen lassen sich fortschreibend als sensible Zwischenstadien lesen oder Einzelbilder sein, ganz wie der Betrachter es gerade empfindet. Die Künstlerin collagiert: Zerissenes, Zerschnittenes, aus dem Zusammenhang heraus gelöstes, ordnet sie zu neuen Sinnzusammenhängen. Mit transparenten Farbschichten überlagert sie Text - erschwert oder entzieht ihm seine Lesbarkeit und lässt so neue Bedeutungsebenen zu. Menschliche Formen schälen sich aus der Malerei heraus - mal als Positiv-, dann wieder als Negativform. Es sind Köpfe aus Papier, Hirnschalen ähnlich, die kleine menschliche Figuren in embryonaler Haltung beherbergen. Ein Verweis auf die Lesbarkeit des Werkes ist die jeweils verwendete Papiersorte für Kopf oder Figur und ihre Kombination zueinander. So begegnet uns bedrucktes Papier, das alles in sich versammelt und im Gegensatz dazu – reines, weißes, unbeschriebenes Seidenpapier, als Raum für die Geburt des Neuen, das wir empfangen oder selbst in die Welt hinaustragen. Fragen werden aufgeworfen: Was bedeutet eine Information mit dem Vermerk: „Nur zu Ihren Händen? Was und wie viel der vermittelten Information erreicht den Empfänger je nach Übermittlungsform?

Kann er die Nachricht übereinstimmend, also ohne Missverständnisse entschlüsseln, wenn z. B. wichtige Kommunikationsebenen wie die unterstützenden Sprachmelodie, Mimik oder Gestik nicht zum Einsatz kamen? Mit der einsamsten Form des Dialogs, der Kommunikation über die eigene künstlerische Position, beschäftigt sich Andrea Nimax. Dazu bemerkt die Künstlerin sinngemäss: Die Gegenwart eines jeden Individuums spielt sich auf dem bereits Erkannten, dem Fundament der Vergangenheit ab. Nur wenn wir unsere Vergangenheit kennen, wird die Gegenwart für uns begreifbar sein. Die Gegenwart, die augenblicklich zur Vergangenheit wird, verlangt von uns nicht nur den Blick in die Zukunft, sondern auch unsere aktive Mitarbeit auf dem Weg dorthin, egal wie steinig er ist. Es gilt einengende Rahmen zu sprengen, um das Neue erkunden zu können. So attestiert eine Grenzüberschreitung die Suche nach immer wieder neuen Horizonten. Dieses lebenslängliche Unterwegssein ist eine Reise, welche die Lebendigkeit der Künstlerin erhält. Mittels Text macht diese ihre Vergangenheit sichtbar, schreibt die Gegenwart nieder und verweist auf die große Unbekannte - die Zukunft, die sie nicht kennen, sondern nur erträumen kann. All das macht sie in Einsamkeit mit sich selbst ab. So formt sie transparente Schattenrisse aus Text. Diese überlagern sich nicht nur gegenseitig, sondern auch Teile ihrer Selbstbildnisse. Der Betrachter bleibt bei diesem persönlichen Prozess ausgesperrt, wird aber Zeuge einer Vermischung von Textfragmenten, die über eine Textplosion etwas Neues hervorbringt.

Andrea Nimax arbeitet mit Text im Bild, macht aber auch Text zum Bild. Durch intensives Übereinanderschreiben verwebt sie das Gewebe Text zu einem bildhaften Geflecht aus Linien. Schichtet die Künstlerin transparente, mit Gedichten beschriebene Folien wie einen Kanon übereinander, verlieren sich die Zeichen des lesbaren Textbeginns auch hier alsbald im übereinanderliegenden Liniengewirr, um sich dann, zurück zu einer Lesbarkeit zu entwirren. Zwischen Anfang und Ende entsteht das geheimnisvolle Dazwischen und die Frage, ist das Ende die Fortsetzung des Anfangs? Wie ich schon einleitend sagte, wirft Kunst Fragen auf mit denen die Künstler den Betrachter alleine lassen. Dazu hat Prof. Rolf Thiele einen wunderschönen Gedanken verfasst, den ich Ihnen als Begleitung durch diese Ausstellung mitgeben möchte. „Bilder, Objekte oder Installationen sind wie eine Gedankenlandschaft. Man kann darin herumwandern. Zeichen stehen als Wegweiser, be-zeichnen aber keinen genauen Weg, sondern deuten auf mehrere Wege. Man bekommt gesagt, wo es lang geht, muss sich aber dennoch den Weg selbst suchen, sich für einen entscheiden und diesen dann selbst gehen.“ Zitat Ende Ich hoffe Ihnen genügend Informationen für diesen Weg mitgegeben zu haben und wünsche Ihnen - liebe Gäste – eine angeregte Kommunikation mit den Werken von Helga Adam, Susanne Kleiber und Andrea Nimax.

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