Sicherung der Theater: Der Vorhang auf und viele Fragen offen

Landtagsrede zum Thema Sicherung der Theater

Dazu sagt die kulturpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Marlies Fritzen:

„Theater sind systemrelevant“, so zitiert die Landesregierung in ihrem Theater-Konzept für Schleswig-Holstein den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert.

Nicht nur Theater, Kultur überhaupt ist systemrelevant, weil der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt.

Er lebt auch in und mit dem Nachdenken über sich und die Welt, in und mit der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, in der Gestaltung und Identifikation mit seiner Umgebung und seiner Kultur.

Zu alldem tragen die Theater in unserem Land ganz wesentlich bei und ich sage sehr deutlich: die Theaterlandschaft in Deutschland ist ein Glücksfall, historisch gewachsen und in ihrer Vielfalt und Struktur einzigartig in der Welt.

35 Millionen ZuschauerInnen bundesweit, 570.000 in Schleswig-Holstein in der Saison 2010/11 sprechen eine eindeutige Sprache: Theater lebt und belebt!

Die Theater in Lübeck und Kiel sowie das Landestheater haben seit 2006 rund 40.000 ZuschauerInnen trotz äußerst schwieriger ökonomischer Bedingungen hinzugewonnen.

Und damit bin ich beim zweiten wichtigen Aspekt meiner Rede: genau wie unsere Theater systemrelevant sind, genauso so sind es Steuerzahler, ich meine die ehrlichen, die in erheblichem Umfang zur Finanzierung unseres Gemeinwesens und damit unserer Theaterlandschaft beitragen.

Ohne öffentliche Mittel können unsere Theater nicht sein, ohne öffentliche Mittel wären wir wieder bei privaten, von reichen Mäzenen unterstützten Theatern, wären wir wieder bei den Fürstentheatern der frühen Neuzeit, es wäre das Ende der demokratischen Theaterlandschaft.

Dies kann niemand wollen und deshalb ist die öffentliche Finanzierung durch uns alle grundlegend und unabdingbar für die freie Theaterkultur in unserem Land.

Im Angesicht der Schuldenbremse, zu der ich mich ausdrücklich auch in diesem Zusammenhang bekenne, kommt dies einem Drahtseilakt nahe.

Die Städte Lübeck und Kiel haben ebenso wie die Gesellschafter des Landestheaters ihre Zuschüsse in den letzten Jahren erhöht. Das Land hat dagegen durch das Aussetzen der Dynamisierung der FAG-Mittel für einen Wegfall von acht Millionen Euro bei den Theatern gesorgt.

Betrachtet man die Tarifsteigerungen für die MitarbeiterInnen ist der reale Verlust noch höher. Die Theater haben dies durch Sparsamkeit und Kreativität teilweise auffangen können. Neuen Angeboten wie der Kieler Sommeroper steht ein reduzierter Spielbetrieb in Lübeck gegenüber. Preiserhöhungen für die Tickets und erste Kooperationen sind weitere Schritte, die die Theater bereits gegangen sind.

Mit einer Eigenwirtschaftsquote von knapp 15 Prozent liegen wir im bundesweiten Vergleich im unteren Mittelfeld. Da geht sicher noch was, aber das allein wird die Theater hier nicht retten. 80 Prozent des Budgets müssen die Häuser für Personalkosten ausgeben.

Selbst mit der von der Landesregierung angestrebten Dynamisierung der FAG-Mittel um 1,5 Prozent bis 2018 werden die Tarifsteigerungen nicht aufgefangen.

Sie gibt den Theatern aber Planungssicherheit bis 2018. In dieser Zeit müssen weitere Anstrengungen unternommen werden. Verstärkte Kooperationen auch mit den freien Theatern im Land, mehr Kinder und Jugendliche als Zuschauer gewinnen sowie weitere Kosteneinsparungen sind notwendig. Die Theater wissen das und sie werden es schaffen.

Die Lösung der „Theaterfrage“ ist ein besonders schwerer Brocken in der Kulturpolitik des Landes. Kulturelle Bildung und die Entwicklung von Perspektiven für die Kultur und Kreativwirtschaft sind weitere. 

Mit dem berührenden Projekt „Rhythm is it“ haben der Dirigent Simon Rattle und der Tanzpädagoge Royston Maldoom eindrucksvoll gezeigt, welche Rolle kulturelle Bildung für die soziale und persönliche Entwicklung von Jugendlichen spielen kann.

Ich begrüße daher ganz besonders den Ansatz einer verstärkten Vernetzung und Kooperation zwischen Schulen und Kulturschaffenden.

Es macht großen Sinn, hier die Ressortschranken zu überwinden und gemeinsam zu agieren.

Natürlich kann ein Kulturangebot Schule nicht ersetzen, aber Schule ist für viele Kinder und Jugendliche der erste und manchmal leider auch der einzige Ort des Kontakts zu und der Auseinandersetzung mit Kultur.

Kulturelle Angebote in Schulen, Kooperationen mit KünstlerInnen, Kulturschulen als Orte fächerübergreifender kultureller Bildung dies alles kann dazu beitragen, unsere Kinder und Jugendlichen zu stärken und ihre Sinne auszubilden und zu schärfen.

Theater, bildende Kunst, Museen die Musik- und Volkshochschulen, die Landesarbeitsgemeinschaften und soziokulturellen Zentren - sie alle leisten wichtige und gute Arbeit im Land.

Im beginnenden Kulturdialog wollen wir sie stärker vernetzen und über Perspektiven für die Kulturschaffenden und die Kreativwirtschaft sprechen bzw. diese gemeinsam entwickeln. Dabei geht es nicht um einen Kulturplan, der in Stein gemeißelt wird, sondern um Leitlinien und Schwerpunkte künftiger Kulturpolitik auch und gerade vor dem Hintergrund knapper Kassen.

Also: der Vorhang auf und viele Fragen offen, aber immerhin: es wird wieder gespielt!

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