Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung muss reduziert werden

Es gilt das gesprochene Wort.

TOP 18 – Arzneimittelgesetz

Dazu sagt der tierschutzpolitische Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen,
Detlef Matthiessen:

Der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung ist eine tickende Zeitbombe. Die Verbreitung multiresistenter Keime führt zu großen Problemen in der Humanmedizin. Menschen sterben daran. Krankheitsverläufe werden erheblich komplizierter, wenn Patienten sich im Krankenhaus zusätzlich zu ihrem Krankheitsbild mit resistenten Keimen infizieren.

In der Tierhaltung werden zum Teil die gleichen Antibiotika eingesetzt wie in der Humanmedizin. Das fördert die Entwicklung resistenter Keime. Diese Keime verbreiten sich auch außerhalb von Tierhaltungsanlagen.

Spätestens seit uns vor gut einem Jahr Berichte über antibiotikaresistente Keime im Hähnchenfleisch von diversen Supermärkten aufgeschreckt haben, ist dies auch im Bewusstsein der Öffentlichkeit.

Trotzdem spreche ich mich nicht gegen den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung aus. Kranke und leidende Tiere müssen selbstverständlich nach den Regeln der Kunst behandelt werden. Das ergibt sich auch aus dem Tierschutzgesetz und der dort verankerten Fürsorgepflicht der Tierhalter für ihre Tiere.

Den meisten aber bis vor kurzem nicht bekannt war das Ausmaß des Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung, wir reden hier von rund 1,7 Millionen Kilogramm, die in Deutschland im Jahr 2011 verbraucht wurden! Das ist mehr als doppelt so viel wie in der Humanmedizin

Allein das schiere Ausmaß ist ein Indiz dafür, dass es sich hierbei nicht ausschließlich um die Verabreichung notwendiger Medikamente an erkrankte Einzeltiere handeln kann.

Der Einsatz von Antibiotika zur Leistungssteigerung ist seit 2006 EU-weit verboten. In Deutschland dürfen Antibiotika nur nach tierärztlicher Untersuchung und nicht prophylaktisch verbreicht werden. Dabei fällt auf, dass der allergrößte Teil der Antibiotika jedoch nicht in der normalen kurativen Tierarztpraxis auf dem Lande zur Anwendung kommt, sondern bei spezialisierten Tierärzten mit überregionalem Einzugsgebiet. Das tierärztliche Einkommen ist dabei nicht von kurativen Handlungen geprägt, sondern vom Medikamentenverkauf.

Es ist offensichtlich, dass eine missbräuchliche Anwendung in größerem Ausmaß Gang und Gebe ist, die mit dem vorhandenen Instrumentarium von Dokumentation und Kontrolle nicht in den Griff zu kriegen ist.

Unterstützt wird diese Feststellung durch detaillierte Studien in einzelnen Ländern, allen voran Nordrhein-Westfalen, die unter anderem gezeigt haben, dass Masthühnchen in ihren 30-35 Tagen Lebenszeit mehrfach und mit bis zu acht verschiedenen Wirkstoffen behandelt wurden.

Und noch auf einen weiteren Missstand in der Tierhaltung deuten diese Zahlen hin, dass sind die Haltungsbedingungen, denen die Tiere in der industrialisierten Tierhaltung ausgesetzt sind: Zu viel Tiere auf engem Raum, zu wenig Bewegung, kaum Möglichkeiten zum Ausleben artgerechter Verhaltensweisen.

Offensichtlich kommt diese Art der Tierhaltung ohne den massenhaften Antibiotikaeinsatz nicht mehr aus. Dazu kommt noch die einseitige Ausrichtung der Zucht auf bestimmte Leistungsmerkmale, auf Kosten der Fitness, auf Kosten der Tiergesundheit.

Darum haben wir Grünen auch gefordert, das Arzneimittelgesetz zu reformieren, um dem missbräuchlichen Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung zu beenden. Wir fordern das Ende einer Tierhaltung, die durch Medikamentenanwendung erst möglich gemacht wird.

Die CDU tut sich schwer mit einer Abkehr von dieser angeblich modernen industrialisierten Tierhaltung. Den Grünen wird Technikfeindlichkeit vorgeworfen. Eine romantisierende Agrarpolitik träfe auf ein mediales Umfeld, das nach Skandalen suche.

Dass die CDU sich schwer tut mit einer konsequent auf Verbraucherinteressen ausgerichteten Agrarpolitik, zeigt nicht zuletzt der von der unionsgeführten Bundesregierung im Juli 2012 vorgelegte Gesetzentwurf, der in vielen Punkten unzureichend ist. Darauf hat eine Mehrheit der Bundesländer von Anfang an hingewiesen.

Die Bundesländer sind für die Überwachung zuständig, darum ist wohl nicht ganz unwesentlich, was diese fordern.

Dazu gehört ein Dokumentationssystem in Form einer zentralen Datenbank, die den Einsatz von Antibiotika vollständig erfasst. Es reicht nicht, nur die Häufigkeit des Antibiotikaeinsatzes zu berücksichtigen, aber nicht die verabreichte Menge.

Und alle Betriebe müssen rein. Nach eigener Kalkulation der Bundesregierung werden mit ihrem Gesetzentwurf lediglich 25 Prozent der tierhaltenden Betriebe erfasst. Die Studien zum Antibiotika-Missbrauch in NRW und Niedersachsen haben aber gezeigt, dass bei weit über 75 Prozent der Betriebe der Einsatz zu hoch ist.

Gegen den Arzneimittelmissbrauch in der Tierhaltung kämpfen wir Grünen immer wieder und schon lange. Veränderungen in der Politik durchsetzen heißt „dicke Bretter zu bohren“. Meine Fraktion stellte den ersten Antrag zu diesem Thema im Januar 1997 hier im hohen Hause. Im Ergebnis wurden so genannte Leistungsförderer verboten.

Wir begrüßen, dass im Bundesrat mit den Stimmen des Landes Schleswig-Holstein der Weg für ein Vermittlungsverfahren frei gemacht wurde.

Als Ergebnis bekommen wir dann hoffentlich kein Placebo, sondern ein Gesetz mit durchschlagender Wirkung.

Thema: 

AbgeordneteR: 

kein Egebniss

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Parteiratsbericht der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen
Link zum FördeWind - Das Magazin der Grünen Landtagsfraktion Schleswig-Holstein