Pestizide: Mehrfachbelastungen stärker in den Fokus nehmen!

Es gilt das gesprochene Wort!

TOP 51 - Pflanzenschutzmittelrückstände in Lebensmitteln

Dazu sagt der agrarpolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, Bernd Voss:

 

Ich danke der Landesregierung für den Bericht. Er ist eine sinnvolle und notwendige Ergänzung zum Bericht über Pflanzenschutzmittelrückständen in Gewässern, den wir ja vor vier Monaten im Landtag diskutiert haben.

In der Debatte hat uns der Kollege Heiner Rickers die Anregung für die Beantragung dieses Berichtes gegeben. Ich zitiere aus dem Plenarprotokoll vom 14. Oktober: „Die Lebensmittel sind sauber.“ Es geht gar nicht um Verunsicherung - aber Absolutheit - ist bei diesem Thema auch nicht hilfreich.

Anfang November wurde dann der Jahresbericht des Landeslabors 2014 vorgestellt. Darin waren Untersuchungen von Pflanzenschutzmittelrückständen zwar erwähnt. Es lag lediglich die Anzahl der Proben der amtlichen Lebensmittelüberwachung vor - ohne Ergebnisse.

Ich denke, es ist im Sinne der Transparenz für die VerbraucherInnen, dass wir diesen Bericht angefordert und nun vorliegen haben.

Zudem haben wir ausdrücklich nach den zusätzlich zur amtlichen Lebensmittelüberwachung Schleswig-Holstein, also beispielswiese aus dem nationalen und EU-weiten Messprogrammen, vorliegenden Erkenntnissen gefragt.

Es ist zunächst auch ein Erfolg der risikobasierten Kontrollen, dass eine Überschreitung von Rückstandshöchstgehalten nur in geringem Umfang von ein bis zwei Prozent festgestellt wurde.

Wir können daher sagen, dass eine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit durch Pflanzenschutzmittelrückstände in Lebensmitteln derzeit kaum gegeben ist, sie beschränkt sich auf Einzelfälle.

Insofern Entwarnung? Das würde ich nicht sagen. Das wäre zu einfach. Die VerbraucherInnen werden sich nicht damit zufrieden geben - denn jede Überschreitung ist eine zu viel! Und der eine oder andere wird sich auch fragen, warum chemische Wirkstoffe überhaupt etwas in Lebensmitteln zu suchen haben, auch unterhalb der Höchstmengen. Ein einfaches Freimessen bzw. Freitesten kann es auch hier nicht geben.

Die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein weist noch zudem auf ein anderes Problem in dem Zusammenhang hin: Das Problem der Mehrfachbelastungen. Das ist eine seit Jahrzehnten bekannte unbeantwortete Problematik.

Das heißt, Pflanzenschutzmittelreste werden zwar überwiegend nur in kleinen Mengen unterhalb der Höchstgrenzen nachgewiesen, dafür aber, ziemlich oft gleich in einer Probe mehrere bis zu einer Vielzahl verschiedener Stoffe.

Laut der Verbraucherzentrale ist es größtenteils noch unklar, ob und wie die einzelnen Wirkstoffe miteinander reagieren. Sie sagt, es könne sein, dass sie sich in ihrer Wirkung nicht nur addieren, sondern verstärken. Dies würde bedeuten, dass die jetzige Risikobewertung zu kurz greift und nachgebessert werden muss.

Und so schreibt es ja auch die Landesregierung in ihrem Bericht (auf Seite 8): „Eine fachliche Beurteilung von Mehrfachrückständen ist derzeit noch nicht möglich.“ Also ganz klar: Bei den Auswirkungen der Mehrfachbelastungen gibt es erhebliche Erkenntnisdefizite!

Und je mehr man untersucht, desto mehr wird man fündig. Bereits jetzt umfasst das Untersuchungsprogramm auf nationaler Ebene mehr als 800 verschiedene Wirkstoffe. Davon hat man bei Obst und Gemüse auch 321 tatsächlich nachgewiesen. Ich weiß nicht, wie viel verschiedene Vitamine es in Obst und Gemüse gibt, aber ich könnte mir vorstellen, dass es weniger als 300 sind.

Schaut man sich jetzt einzelne Produktgruppen an, die besonders häufig Rückstände enthalten, sind es laut dem Bericht: Äpfel, Erdbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren, Trauben, Zitrusfrüchte, Blattsalate, frische Kräuter, Pfirsiche und Aprikosen. Bei dieser Produktgruppe weisen 90 Prozent der Proben Rückstände auf, zwei Drittel mit Mehrfachrückständen.

Leider ist der Bericht an dieser Stelle etwas ungenau, denn es wurde nicht nach Herkünften differenziert. Ich würde mir wünschen, dass in zukünftigen Berichten, auch im Jahresbericht des Landeslabors, genauer dargestellt wird: Aus welchen Herkünften die belasteten Proben kommen, also ob Importware, wenn ja, aus welchem Land der EU, welchem Land außerhalb der EU, oder eben ob aus regionaler Erzeugung.

Die Verbraucherzentrale gibt hier einige wichtigen Basishinweise zur Orientierung. Wichtige Hinweise, auf zum Teil unerwartete Belastungen, kommen immer wieder von Initiativen und Umweltverbänden. Zum Glück steckt sehr viel hochkarätiges Fachwissen zum Thema Pflanzenschutz in den Organisationen der Zivilgesellschaft.

Konzerne des Lebensmitteleinzelhandels beginnen, um sich weitgehend frei von öffentlichen Skandalen zu halten, bei ihren Lieferanten höhere - wie die gesetzlichen Grenzwerte - anzusetzen. Diese Sensibilität ist zu begrüßen. Es ist wichtiger denn je, dass öffentliche Institutionen und Forschungseinrichtungen finanziell gut ausgestattet werden. Sie brauchen unabhängiges Fachwissen und Fachkompetenz und müssen eigene Studien beauftragen können.

Das ist und bleibt bei der Risikobewertung und Zulassung von Pflanzenschutzmitteln entscheidend. Das von der Landesregierung mit in Auftrag gegebene Gutachten zur Pflanzenschutzsteuer ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Baustein. Sie kann helfen, um zu einer wirksamen Risikoorientierung im Pflanzenschutzeinsatz und vor allem zu einer effizienten Reduktion des Mitteleinsatzes und anderen Anbaustrategien zu kommen.

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